Das "andere Deutschland" - Motive und Vermächtnis des Widerstandes

Eine Veranstaltung der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft, Museum Bochum, 23.1.05

Nikolaus Groß

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, dass Sie zum 60. Jahrestag der Hinrichtung vorbildlicher Männer des zivilen Widerstands gegen Hitler eine Gedenkstunde veranstalten und neben dem Sozialdemokraten Theo Haubach und dem protestantischen Aristokraten Helmuth J. Graf von Moltke den katholischen Arbeitervertreter und Journalisten Nikolaus Groß stellen. Als einziger der drei stammt er aus dem Ruhrgebiet - er wurde 1898 in Niederwenigern im heutigen Hattingen geboren - und ist so etwas wie ein typischer Vertreter unserer Region: er war zuerst Bergmann bis er über die Gewerkschaftsarbeit Weiterbildungschancen ergriff und erst Gewerkschaftssekretär beim Gewerkverein christlicher Bergarbeiter und dann ab 1927 Chefredakteur der Verbandszeitung der Westdeutschen KAB im Kölner Kettelerhaus wurde, wo er seine Lebensaufgabe fand.
Ihn verbindet mit den beiden anderen der Kreisauer Kreis. Zwar war er kein direktes Mitglied dieses bekannten Widerstandskreises, sondern führend im im Rheinland und in Westfalen beheimateten Kölner Kreis, aber er hatte über eines seiner prominenten katholischen Mitglieder, den Jesuitenpater Alfred Delp, Verbindung zu Kreisau und war über deren Vorstellungen unterrichtet. Mehr noch verbindet ihn mit Kreisau, dass er mit Kreisauern vor dem VGH stand, deren Prozess am 9. Januar 1945 begann. Die Verhandlung gegen die weniger prominenten Mitglieder Haubach und Steltzer und eben auch Nikolaus Groß wurde auf den 15. Januar 1945 verlegt. Nikolaus Groß wurde also mit Moltke und Haubach zum Tode verurteilt und am gleichen Tag, dem 23. Januar 1945, hingerichtet - obwohl er gar nicht wegen seiner Verbindungen zu Kreisau angeklagt war. Er wurde verurteilt wegen seiner Verbindungen zum Goerdeler-Kreis und seiner aktiven Mitwirkung an dessen inhaltlichen und personellen Planungen für die Zeit nach dem Attentat.
Und sicher verbindet ihn mit den beiden anderen, die wir heute würdigen, dass er aus seiner persönlichen Gewissensentscheidung heraus das NS-Regime ablehnte und darüber hinaus im Widerstand aktiv wurde. Was war es nun, was ihn zu diesem insgesamt gesehen doch eher ungewöhnlichen und riskanten Weg in den Widerstand führte?

Nikolaus Groß hatte die NS-Ideologie schon vor 1933 in seinen Artikeln in der Westdeutschen Arbeiterzeitung als kriegstreibend, demokratiefeindlich und unchristlich abgelehnt. Dieser Linie blieb er im Kern treu und hat auch nach 1933 in seiner grundsätzlichen Ablehnung nicht geschwankt. Er bemühte sich zwar, die Verbandszeitung, die seit 1935 Kettelerwacht hieß, möglichst lange zu erhalten und konnte daher seine Kritik nach 1933 nur noch verhalten in Analogien vorbringen, aber bei der weltanschaulichen Gegnerschaft ging er keine Kompromisse ein. Allerdings wurden die Möglichkeiten der Zeitschrift von den Nationalsozialisten immer enger gezogen und 1938 wurde trotz seines großen Bemühens die Kettelerwacht endgültig verboten, nachdem sie vorher schon mehrmals verwarnt worden war. Diese Erfahrung war für Nikolaus Groß sicherlich ein zentrales Motiv, sich gegen das NS-Regime zu engagieren, denn es ließ ihn erkennen, dass die Verkündigung christlicher Ansichten, die er sich in der Kettelerwacht zur Aufgabe gemacht hatte, im 3. Reich auf Dauer nicht möglich war. Dies war aber eine Bedingung, die für ihn nicht verhandelbar war, denn ein schweigsames "Sakristeichristentum" konnte es für ihn, für den die Christliche Gesellschaftslehre immer praktische Nächstenliebe gewesen war, nicht geben. Im Laufe der 30-er Jahre musste er erkennen, dass ein Bemühen um kirchliche Freiheit im NS-System an dessen Totalitätsanspruch scheitern musste. Daher wuchs folgerichtig seine Bereitschaft, etwas gegen das Regime zu tun, wenn sich die Gelegenheit dazu böte.

Sie bot sich ihm, als sein bester Freund und KAB-Kollege Bernhard Letterhaus 1942 als Hauptmann zur Abwehr ins OKW in Berlin versetzt wurde und dort über den Christliche Gewerkschafter Jakob Kaiser sich dem Goerdeler-Kreis anschloss. Der deutschnationale ehemalige Leipzeiger Oberbürgermeister Carl Goerdeler hatte seit den 30er Jahren einen wachsenden Kreis von Oppositionellen um sich gesammelt und war gerade auch an Arbeitervertretern jeglicher Couleur interessiert, um für seine Verschwörung Rückhalt in der Bevölkerung zu erhalten. Er plante die Beseitigung der Regierung Hitler und nahm dafür auch Kontakt zu oppositionellen Militärs um Generaloberst Beck auf. Dieser besuchte wohl 1943 das Kettelerhaus und vergewisserte sich der Unterstützung des Präses der westdeutschen KAB, Otto Müller, der die Aktivitäten von Groß und Letterhaus im Widerstand unterstützte. Im Kettelerhaus hatte sich der sog. Kölner Kreis gebildet, eine Gruppe, die im Kern aus KAB-Vertretern, Christlichen Gewerkschaftern und Zentrumspolitikern bestand, der sich aber auch konservative Protestanten und Sozialdemokraten anschlossen. Sie tauschten sich schon seit den 30er Jahren über ihre Erfahrungen im 3. Reich aus, gingen aber nun dazu über, ihre politischen Vorstellungen für die Zeit nach Hitler zu formulieren und sich an den personellen Überlegungen der Verschwörer zu beteiligen, wobei sie besonders nach Mitstreitern und politischen Führungspersönlichkeiten für die Zeit direkt nach dem Umsturz im katholischen Westen des Reiches suchten.
An der Personalsuche wie auch an der Mitverfassung der beiden Schriften des Kölner Kreises "Ist Deutschland verloren?" und "Die neuen Aufgaben", gemeinsam mit Wilhelm Elfes, war Groß beteiligt. Außerdem organisierte er die Treffen des Kölner Kreises im Kettelerhaus oder seiner Privatwohnung.

Dieses Engagement zeigte er, wie gesagt, weil er das Überleben der Kirche und des christlichen Glaubens in Deutschland sichern wollte. Von Letterhaus erhielt er Kenntnis von Verbrechen im Osten wie dem berüchtigten Kommissarbefehl und Judenerschießungen. Judendeportationen erlebte er unmittelbar in Köln, als eine junge Bürokraft abtransportiert wurde. Ihn trieb die Furcht um, dass nach den Juden die Katholiken drankämen. Sorge um die Existenzmöglichkeiten der Kirche vermischte sich mit genereller Parteinahme für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Freiheit. Bei einer Konferenz der Männerseelsorge in Fulda, bei der er die KAB vertrat, warnte er daher: "Darum dürfen wir die Seelsorge nicht zu eng und nur religiös sehen". Damit äußerte er eine ähnliche Ansicht wie Delp es bei dieser Konferenz ebenfalls getan hatte. Für beide gehörten die Menschenwürde und Menschenrechte aller Menschen unverzichtbar zum kirchlichen Verkündigungsauftrag. Daher machten beide den Schritt von der Verteidigung kirchlicher Rechte hinaus in den politischen Widerstand. Zeitgenossen haben dieses Motiv für den politischen Widerstand auch so verstanden und beschrieben Nikolaus Groß als motiviert durch "seine christliche Weltanschauung" (Even).
Wie hat sich Nikolaus Groß nun selbst zu seinem Entschluss, politischen Widerstand zu leisten, geäußert? Nun, direkt und schriftlich gar nicht. Er war eben nicht der große Theoretiker und das war ja auch gefährlich. Wohl haben überlebende Zeitgenossen Aussagen von ihm überliefert und er hat sich indirekt im Manuskript seiner 1943 abgeschlossenen Glaubenslehre geäußert - übrigens in der damaligen katholischen Kirche ein erstaunliches Projekt für einen Laien.
Kommen wir zuerst zum Mündlichen: So sagte er am 19.7.1944 bei einer Konferenz der Männerseelsorger in Fulda zum befreundeten Paderborner KAB-Präses Caspar Schulte, als der ihn auf sein riskantes Tun hinwies: "Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie wollen wir dann vor Gott und unserem Volke einmal bestehen?" Und den gleichen Gedanken wiederholte er im Gefängnis Tegel gegenüber seinem Mitgefangenen Rudolf Pechel in ähnlicher, allerdings etwas profanerer Formulierung: "Was kann ein Vater seinen Kindern Größeres hinterlassen als das Bewusstsein, dass er sein Leben für die Freiheit und Würde seines Volkes gegeben hat?"
Damit machte Nikolaus Groß deutlich, dass er nicht zwischen Kirche, Glaube und Nation unterschied: für ihn war der politische Widerstand ein Gebot seines Glaubens, sich für das Wohl von Volk und Kirche einzusetzen. Darin sah er keinen Gegensatz, da er sie beide gleichermaßen unter dem Gebot Gottes sah. Sein Glaube war nichts Privates, sondern unauflöslich an gesellschaftliche Verantwortung gebunden. Christliche Weltverantwortung war aber im antichristlichen nationalsozialistischen Weltanschauungsstaat nicht möglich und daher Widerstand geboten. Diesen Gedankengang hat Nikolaus Groß in seiner Glaubenslehre auch zum Ausdruck gebracht, wenn auch natürlich in allgemein gehaltener Form ohne NS-Bezug.
In ihr formulierte er die Pflicht zum Glaubensbekenntnis in der Öffentlichkeit: "Zum Bekenntnis durch Wort und Tat gehört auch... die Verteidigung des Glaubens gegenüber dem Feinde. Schmachvoll ist es, wenn wir... es widerspruchslos gefallen lassen, daß er geschmäht wird". Hieß dies erstmal verbale Verteidigung in der Kettelerwacht, so bedeutete es für ihn, sich für die Beseitigung des NS-Regimes einzusetzen, als es ihm zur Gewissheit geworden war, dass das NS-Regime die Vernichtung des Christentums intendierte. Der traditionelle Staatsgehorsam war für ihn dabei kein Hinderungsgrund, denn "Niemand wird einen bösen, schlechten und verdorbenen Menschen ehren. Auch dann nicht, wenn er äußerlich noch so hoch gestellt ist" - eine Bemerkung, die man durchaus gegen den Führerkult lesen kann und die innerlich frei machte zur Kritik und zum Widerstand. Das Recht dazu leitete er indirekt ab aus dem Gedanken der christlichen Weltverantwortung: ".Wo Unrecht geschieht, müssen wir tapfer für das Recht und die Wahrheit eintreten, wie Christus es uns gelehrt hat" und das hieß für ihn persönlich offensichtlich politischer Widerstand, als es verbal nichts mehr nützte. Schlüsselsätze sind sicherlich: "...zuoberst steht die Forderung, daß man Gott mehr gehorchen muß als den Menschen. Wenn von uns etwas verlangt wird, was gegen Gott oder den Glauben geht, dann dürfen wir nicht nur sondern müssen den Gehorsam ablehnen. Denn allzeit steht Gottes Gebot höher als Menschengebot. An anderer Stelle schrieb er ähnlich: "Gott ist der Herr über ... alle Gebieter und alle Regierenden". "Und weil er der höchste Gott ist..., darum steht sein Gebot über allen Menschengeboten." Mit diesen Überlegungen wehrte er den nationalsozialistischen Totalitätsanspruch ab und legitimierte seinen Widerstand. Er basierte auf der Überzeugung, im NS-Staat einem Regime zu begegnen, das den Anspruch auf den der staatlichen Obrigkeit nach katholischer Lehre geschuldeten Gehorsam verwirkt habe, weil es mit dem totalitären Anspruch seiner Ideologie antichristlich sei. Spiegelverkehrt bestätigte der vorsitzende Richter des VGH, Roland Freisler, im Kreisauer Prozess diese Sichtweise, allerdings besonders im Prozess gegen Moltke und Delp, wo er seinen antichristlichen Ressentiments freien Lauf ließ. Freisler hatte wohl ursprünglich einen Kirchenprozess geplant, indem er über Nikolaus Groß und Otto Müller eine Verbindung zwischen dem mit dem militärischen Widerstand zusammenarbeitenden Goerdeler-Kreis und dem Kreisauer Kreis, der viele Verbindungen zu führenden Männern beider Kirchen hatte, herstellen wollte und damit die Kirchen propagandistisch in die Nähe des Stauffenberg-Attentates rücken wollte. Dieses Vorhaben konnte Freisler aber nicht realisieren, da Otto Müller in der Haft gestorben war und Delp das Wissen von Stauffenbergs Attentatsplan nicht nachzuweisen war. So blieb davon nichts außer den Hasstiraden gegen Moltke. ("Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen!" Seine Quintessenz gipfelte in der Frage an Moltke: ) "Von wem nehmen Sie Ihre Befehle? Vom Jenseits oder von Adolf Hitler?" "...wer sich seine Befehle in noch so getarnter Form bei den Hütern des Jenseits holt, der holt sie sich beim Feind und wird so behandelt werden!"
Freislers Verhalten im Prozess gegen Moltke zeigt, dass er im Christentum einen unversöhnlichen Gegner sah und Nikolaus Groß mit seiner Analyse der Unvereinbarkeit Recht hatte.

Als letztes möchte ich noch die Frage aufwerfen, ob Nikolaus Groß wusste, was er mit seinen Aktivitäten unterstützte, also dass ein Attentat auf Hitler geplant war.
Direkt hat Nikolaus Groß über seinen Wissensstand zum Attentat nichts überliefert. Aber man kann begründet vermuten, dass er wusste, dass Militärs ein Attentat auf Hitler planten, denn viele seiner engsten Freunde wussten nachweisbar davon. Ich möchte Ihnen nun sämtliche Indizien ersparen, sondern nur auf die wichtigsten Belege eingehen. Sein bester Freund Bernhard Letterhaus wusste mit Sicherheit nicht nur, dass ein Attentat geplant war, sondern kannte auch Namen und Termine. Er kündigte mehrfach Zeitungen mit großem Trauerrand auf der ersten Seite an. Mit dem früheren KAB-Präses H.J Schmitt und weiteren katholischen Widerstandskämpfern diskutierte er 1943 in Berlin intensiv über die Erlaubtheit des Tyrannenmordes. Er gewann die Überzeugung, dass er als ultima ratio erlaubt sei, wenn es das einzige Mittel darstelle, das Volk vor dem Untergang zu bewahren. Nikolaus Groß dürfte diese Ansicht geteilt haben, genauso wie Otto Müller, der 1944 ungeduldig auf das Attentat wartete. Der schon einmal zitierte befreundete Paderborner Präses Caspar Schulte schreibt in seinen Erinnerungen über Groß, Letterhaus und Müller: " Wir wurden dauernd informiert über die Pläne der Widerstandsbewegung. Wir hörten, dass ein geplanter Termin der Beseitigung Hitlers nicht eingehalten werden konnte. Letterhaus, Kaiser, Groß, Dr. Müller waren eingeweiht. Sie wussten um die Pläne des Widerstands" Am 19.7. sagte Nikolaus Groß zu ihm in Fulda: "In den nächsten Tagen wird etwas geschehen, was die Weltgeschichte verändern wird."
Zutreffend notierte die Gestapo als Haftgrund, dass er "von dem Attentat bereits im Herbst 1943 Kenntnis hatte und Werbungen durchführte", was dann mit dem Todesurteil geahndet wurde.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Nikolaus Groß hinter den Attentatsplänen stand, als kleineres Übel, um größten Schaden vom deutschen Volk abzuhalten. Diesen Schaden sah er nicht zuletzt im Versuch der Entchristlichung des Volkes, die der Nationalsozialismus aus seiner Sicht versuchte. Daraus zog er die Konsequenz, den Weg in den politischen Widerstand zu bestreiten, um die Existenz- und Wirkungsmöglichkeiten für Kirche und Religion für die Zukunft zu retten. Um dies zu können, braucht man ein an universalen, unverrückbaren Werten orientiertes Gewissen und großen Mut, um seiner Gewissensentscheidung auch in feindlicher Umwelt und scheinbar gegen jede Vernunft zu folgen. Diese Orientierung an Gewissensentscheidungen und die Zivilcourage, dem zu folgen, ist bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse, das Vermächtnis, das Nikolaus Groß uns hinterlassen hat.